1. Das Leben dort

 

2. Besuch für mich

 

3. Die Woche danach

 

4. Das Wildschwein

 

5. Der Farn

 

6. Das Auto

 

7. Warten

 

8.   Sonntag,  1. Dezember 2002

 

 

 

 

 

1. Das Leben dort

 

 

Also, wie und warum ich ins Tierheim kam, will ich ohne Genehmigung von meinem netten Frauchen, bei dem ich damals gewohnt habe, nichts schreiben. Aber ich bin eben dort gelandet und das war schlimm für mich. Ich hab das nämlich nicht verstanden und versteh auch heute noch ganz viele Dinge nicht, die sich geändert haben.

Andererseits war es schon toll, daß ich nicht getötet werden mußte, sondern in so ein Heim für herrenlose Hunde gehen konnte. Denn ich bin noch kerngesund. Ich mochte die Leute im Tierheim. Sie haben mich gut versorgt und waren nett zu mir. Und immer kamen auch welche, die mit mir spazieren gingen. So kam ich dann stundenweise auch aus dem Heim mal raus. Aber haben und mitnehmen wollte mich keiner.

Es war ziemlich schwer für mich, mich an die Verhältnisse im Tierheim zu gewöhnen. Ich war eine Wohnung und viel Platz gewöhnt und jetzt hatte ich Gitterboxen. Ich war Helligkeit gewöhnt, jetzt war es in dem Stall ziemlich dunkel. Ich war Teppiche und Wiesen gewöhnt, jetzt hatte ich Beton. Ich war Ruhe gewöhnt und jetzt . . . .?! Von Ruhe kann man in einem Tierheim nicht sprechen. Es ist wie ein Kampf. Sobald ein Mensch kommt beginnt der Wettstreit, der mit Bellen ausgetragen wird. Jeder will der erste sein. Jeder will raus. Jeder will spazieren gehen. Aber es sind immer nur ein paar von uns, die ausgesucht werden. Nur ein paar dürfen abwechselnd auf die Wiese. Nur ein paar von uns werden zum Spazierengehen geholt. Und immer wieder geht mal einer mit einem Menschen raus und kommt nicht wieder. Dann wissen wir anderen: Der hat Glück gehabt. Der hat ein neues Frauchen, oder ein neues Herrchen gefunden und wird zukünftig wieder Garten haben. Oder Teppich. Und Licht und Ruhe. Und vor allen Dingen jeden Tag der selbe Mensch, der ihm Futter gibt, spazieren geht und streichelt. Eben jemand, auf den man sich als Hund verlassen kann. Ja! Das finde ich ganz wichtig! Aber bei mir schien das überhaupt nicht zu funktionieren.

Alle Menschen, die mich zum Spazieren holten, fanden mich brav. Nun weiß ich nicht, ob das unbedingt ein Kompliment ist. Auf jeden Fall scheint es nicht genug zu sein, um einen Hund aus dem Tierheim zu holen. Außer brav muß man anscheinend noch was anderes sein. Schön vielleicht, oper süß, oder putzig. Aber das bin ich wohl alles nicht, denn mich wollte keiner. Alle brachten mich wieder zurück, mitgenommen nach Hause wurde ich nicht.

So gingen 2 Monate ins Land. Ich fand das Leben im Tierheim ziemlich stressig. Ich bekam Durchfall. Vom Streß, sagte man. Ich mochte nicht fressen. Es schmeckte nicht so gut, wie früher. Ich habe zwar gefressen, aber anscheinend zu wenig. Ich wurde sehr schlank. Das stand mir ganz gut, fand ich. Trotzdem habe ich mir immer gesagt: “Du mußt am Ball bleiben. Wenn ein Mensch kommt mußt du bellen. Wenn du nicht bellst, wird er dich übersehen. Dann kommst du hier niemals wieder raus. Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben.” Also bellte ich und ging weiter mit jedem der es wollte spazieren und war brav.

 

2. Besuch für mich

 

 

Nachmittags um 15 Uhr ging die Tür zum Hundestall auf und ein paar Leute kamen rein. Es war mal wieder Besuchszeit. Alles bellte: “Hier bin ich! Komm, nimm mich mit raus! Ich bin brav!” Ich bellte auch. Ich stand am Gittertor meiner Box und bellte: “Wwhouw . . . . .Wwhouw . . . .  .Wwhouw!” Da fingen ein Mann und eine Frau an zu lachen. . . . blickten sich an . . . . blickten mich an . . . . und ich tat als würde ich sie gar nicht sehen und bellte weiter. Jemand aus dem Tierheim holte eine Leine, holte mich aus der Box und gab die Leine der Frau. Alles wie schon oft gehabt: Spazieren gehen und brav sein. Nicht so sehr an der Leine ziehen – Menschen mögen das nicht. Ich lief vor denen her und hörte plötzlich wie der Mann sagt: “ Sieh mal, die O-Beine!” Also ehrlich! Der hatte ja schon mal verschissen. Die Frau lachte nur. Wir gingen ein Stück die Straße runter in den Wald. Noch keinen Kilometer unterwegs sagte der Mann: “Komm wir gehen wieder zurück.” Und die Frau: “Ja, ich glaube, das ist entschieden, ne?” – “Ja” sagte der Mann und dann brachten die mich, kaum das wir los gegangen waren, schon wieder zurück. Also so schnell wurde ich noch nie zurückgegeben. Ich hatte erst gar keine Chance, brav zu sein. Sie hockten sich vor mich hin und streichelten mich. Aber ich beachtete sie gar nicht. Ich brauchte nicht noch jemanden, der mich wieder im Heim ablieferte. Es war wirklich traurig. Was war bloß falsch mit mir?

Im Tierheim waren immer noch Besucher. Als wir zur Haustür rein kamen, kam uns Frau Smeets entgegen und ich hörte, wie die Frau sagte: “Ich will den haben!” Bitte? Was war das? Du willst mich haben? Du kennst mich doch noch gar nicht! Du bist kaum drei Schritte mit mir zusammen gelaufen! Du weißt doch noch gar nicht, ob ich brav bin! Oder ob ich dich mag! Woher willst du wissen, daß du mich haben willst? Ich war völlig durcheinander und merkte gar nicht, daß ich zurück in meine Box gebracht wurde und dort weiterbellte, als sei gar nichts passiert. Ich verstand die Welt nicht mehr. Und ich hatte Durchfall.

 

3. Die Woche danach

 

 

Die Frau kommt jeden Tag und geht mit mir spazieren. Entweder vormittags oder nachmittags. An den beiden ersten Tagen hatte sie Leckerchen dabei. Da habe ich getan, als wenn ich sie toll fände und habe auch mit ihr geschmust. Aber dann merkte sie, daß ich immer noch Durchfall hatte und sagte, ich würde keine Leckerchen bekommen, deswegen. Was hat Durchfall mit Leckerchen zu tun? Das sind doch zwei völlig verschiedene Dinge! Seit dem kümmere ich mich nicht mehr so sehr um sie. Sie ist auch nur eine von den vielen, die kommen, mit mir spazieren gehen und mich wieder abgeben. Sie sagt, sie hätte im Moment so viel zu arbeiten, daß sie mich noch nicht mitnehmen könnte. Erst am 3. Dezmeber würde sie mich mitnehmen. Aber das kann jeder sagen. Wahrscheinlich wird sie noch einen Grund finden, warum es dann am Ende doch nicht geht, daß sie mich mitnimmt. Ich bin oft traurig.

Denn eins muß man ihr lassen. Sie macht erstklassige Spaziergänge mit mir. Mindestens eine Stunde, aber wir waren auch schon 2 Stunden unterwegs. Sie kennt sich in der Gegend um das Heim nicht aus. Und irgendwann, wenn der Weg zu weit vom Tierheim weg führt, dann gehen wir vom Weg runter und quer durch den Wald und über die Wiesen. Das ist schon spannend. Manchmal weiß sie nicht, wo wir sind und hat nur eine ungefähre Vorstellung, in welcher Richtung das Tierheim liegen müßte. Aber dann kommen wir trotzdem immer wieder auf irgendeine kleine Straße, oder zu Häusern, oder an einen Teich, und dann finden wir wieder zurück. Darin ist sie nicht schlecht. Manchmal muß ich auf sie achtgeben, wenn wir einen steilen Hang runter klettern, oder auch rauf. Ich kann das natürlich besser als sie mit ihren 2 Beinen. Und sie muß dann aufpassen, daß sie nicht “auf den Arsch fällt” wie sie immer sagt. Dann lobt sie mich, weil ich nicht an ihr rumzerre und ihr Zeit lasse, irgendwo drüber zu klettern, oder unter einem Zaun durch. Es macht Spaß, mit ihr spazieren zu gehen.

 

4. Das Wildschwein

 

 

Und es gab auch schon Aufregendes zu erleben. Wir waren unterwegs auf einem langweiligen matschigen Weg in der Nähe der großen Straße beim Tierheim. Da hörten wir plötzlich einen Knall auf der Straße. “Das war ein Auto,” sagte sie. Wir sind weiter gegangen. Dann hörten wir eine Autohupe, lang anhaltend. “Da ist was passiert,” sagte sie, und “komm, vielleicht braucht da jemand Hilfe.” Und sie fängt an zu rennen. Jedenfalls, was sie so rennen nennt. Ein paar Schritte gelaufen und schon kann sie nicht mehr. Aber immerhin. Dann sahen wir sie. Vier oder fünf Wildschweine die eine wilde Hatz durch das Erdbeerfeld machten. Sie kamen von der Straße. “Da ist ein Auto mit einem Wildschwein zusammengestoßen,” rief sie. “Komm, wir müssen nachsehen, ob einer Hilfe braucht.” Und dann sind wir aber wirklich gerannt, bis wir auf der Straße waren. Da lag das Wildschwein. Und ich war an der Leine und die Leine war zu kurz und die Frau hielt mich fest und ich kriegte keine Luft und ich wollte hin, hin, hin und wollte überhaupt nichts anderes mehr und gehorchen schon gar nicht und da lag doch schließlich ein Wildschwein auf der Sraße und wann erlebt man das schon mal und ich wollte da hin, hin, hin und ich kriegte keine Luft und sie hielt mich fest. Und sie rief immer wieder “Batzi, bleib hier” und “Batzi, komm weg hier”. Wie kann man so desinteressiert sein! Frau, da liegt ein WILDSCHWEIN!! Wann sieht man schon mal ein Wildschwein auf der Straße liegen? “Komm, Batzi, wir werden hier nicht gebraucht.” Also, das sah ich aber völlig anders. Nur, als Hund an der Leine hat man gar keine Chance. Nach ein paar Metern waren wir vorbei und riechen konnte ich es auch nicht mehr, also, was solls. Gehen wir halt noch ein bißchen spazieren. Auf einer Wiese habe ich aber dann doch vor lauter Aufregung brechen müssen. Das ganze Essen vom Vormittag kam raus. Und dann . . Schnuff. . Moment mal . . . Schnuff . . . was ist das hier . . . Schnuff. . . wonach riecht das hier . . .Schnuff . . . Wildschwein . . . Schnuf, Schnuff . . . klar, Wildschwein . . . .Schnuff. . nicht eins, ganz viele . . Schnuff, Schnuff. . “Batzi, zieh doch nicht so verrückt” . . . . Frau, hier waren die Wildschweine . . . . “Batzi, du erwürgst dich” . . . . . egal, Frau, hier waren die Wildschweine . . . . .”Batzi, zieh nicht so!” . . . . ich will da runter . . . . .”Batzi!” . . . . ich will da runter,  da unten waren die Wildschweine . . . . .

Aber als Hund an der Leine hat man eben keine Chance und irgendwann ist man wieder aus der Duftwolke raus und, naja, und dann muß man es halt vergessen. Es ist so traurig, daß die Menschen überhaupt keinen Jagdinstinkt haben. Was könnte man für einen Spaß mit einem Menschen haben . . .!

 

5. Der Farn

 

 

Ein anderer Spaziergang führte uns in einen Wald. Die Frau hatte keine Lust ohne Weg quer durch den Wald zu laufen und wir sind über eine Schneise gegangen auf der Strommasten standen. Dann kam da eine Stelle . . . Schnuff . . . ich weiß nicht . . . irgendwas Aufregendes . . . . da vorne im Farn . . . Schnuff  . . . ich weiß nicht was es ist . . . .”Batzi, zieh nicht so!” . . . . Frau, da ist was im Farn . . . . “Batzi, bleib hier!” . . . . da ist was im Farn . . . . “Komm, wir müssen weiter, wir haben da keine Zeit zu.” Ok, dann wars das wieder. Ich sags ja: Der Hund an der Leine . . .! Ha, aber da geht dann plötzlich die Schneise nicht weiter. Zaun! Und weit und breit kein Weg in Sicht. “Also dann müssen wir zurück. Heute habe ich keine Zeit für Experimente. Das müssen wir ein anderes Mal austüfteln.” Zurück? Am Farn vorbei? Komm schnell, Frau . . .  “Batzi, zieh doch nicht so.” . . . . da vorne ist der Farn, Frau . . . . . “Batzi, du er würgst dich” . . . egal, Frau da ist der Farn . . . . da ist was drin . . . . “Batzi, egal was da drin ist, es geht uns nichts an. Komm weiter!” . . . . oh Frau, das seh ich aber wieder ganz anders . . . .  der Geruch ist toll . . . . . Aber ich bin ein Hund an der Leine und muß solche Dinge immer und immer wieder sausen lassen. Da könnte man glatt eine Depression kriegen.

 

6. Das Auto

 

 

Ein anderes Mal werde ich geholt und muß draußen mit einer Frau aus dem Heim warten. Stehen und warten. Also geh ich erst mal eben pinkeln. Dann kommt plötzlich die Frau aus dem Heim raus. Weiß der liebe Himmel, wo die her kam. OK, also wieder spazieren gehen. Oder? Warum schließt sie dieses gelbe Auto auf. Hinten. Die Klappe geht hoch und ich springe sofort rein. Mal sehen, was da so drin ist. Da lobt sie mich. Wollte die das etwa so? Jetzt bindet sie mich ganz kurz an und dann macht sie die Klappe wieder zu und ich bin drin. Sie steigt vorne ein und fährt langsam los. Ich belle. “Wwhouw . . . Wwhouw . . . Wwhouw” Die ganze Fahrt lang. Sie spricht mit mir. Sie bleibt ganz cool und ruhig und sagt ich sei ein toller Hund und ich würde das ganz toll machen. Was? Autofahren? Ich mach doch gar nichts. Ich belle doch bloß. Von vorne kommen uns Hunde entgegen. Die muß ich natürlich auch anbellen, bis ich sie nicht mehr sehe. “Du hast aber noch verdammt gute Augen” sagt die Frau. Weil ich die Hunde gesehen habe? Klar, hat sie die etwa nicht gesehen? Die Straße hört auf und wir müssen wenden. Ich belle. Ich weiß nämlich nicht, was das ganze Autofahren soll. Jetzt fährt sie zurück zum Heim und gibt mich wieder ab. Oder? Nein sie fährt auf die große Straße und fährt schneller. An der nächsten größeren Kreuzung fährt sie rechts ab, wendet wieder und fährt zurück zum Heim. Ich belle und belle, aber keiner sagt mir was das soll. “OK,” sagt sie, als wir wieder beim Heim sind, “das geht gut. Ich muß dich nur noch ein bißchen kürzer anbinden.” Was? Wieso? Noch kürzer? Versteht ich nicht. Was geht gut? Ich belle einfach weiter. Wozu das Ganze? Dann holt sie mich wieder aus dem Auto raus und geht mit mir spazieren. Nun sag mir einer, was das ganze soll. Menschen! Die wissen einfach nicht was sie wollen. Autofahren oder spazieren gehen? Und kontrollieren ob ich Würste kacke oder dünnen Brei. Wozu muß sie das wissen? Im Heim erzählt sie dann den Leuten ich hätte zuletzt doch wieder Wasser gekackt. Und sie sollen mir lieber doch noch heute und morgen eine Tablette geben gegen Durchfall. Ich habe keinen Durchfall mehr, ich bin bloß aufgeregt. Bei all dem Zauber der mit mir veranstaltet wird. Rein ins Auto, autofahren, raus aus dem Auto, spazierengehen und wieder ins Heim. Dann sperren sie mich wieder in meine Gitterbox. Sitz ich wieder da. Die Frau sagt: “Tschüß mein Hund, bis Sonntag, sei nicht traurig.” Ach, geh doch weg, Frau! Ich will nicht zum spazieren geholt werden, ich will hier raus! Kapierst du das nicht? Geh weg! Wwhouw . . . . Wwhouw! Verschwinde und laß mich in Ruhe. Ich bin verdammt traurig!

Und Sonntag war sie wieder da. Aber nur zum Spazierengehen. Mitgenommen hat sie mich nicht. Aber sie erzählt mir immer, sie würde mich mitnehmen, und wie toll ich es dann hätte. Was soll das? Warum macht sie das nicht gleich heute? Wir hatten wieder einen langen Spaziergang und es war schon fast dunkel als wir wieder beim Tierheim ankamen. Sie hat mich selbst in den Käfig gebracht. Und mir erzählt, ich müßte jetzt eine Woche noch warten, dann würde sie mich holen. Sie könnte aber leider in der ganzen Woche nicht kommen. Da haben wir’s! Jetzt hat sie schon keine Lust mehr zu kommen. Das wird es dann wohl gewesen sein mit ihr. Ich denke die seh ich nicht mehr. Schade. Eigentlich war sie doch ganz nett zu mir. Ich glaube nicht, daß sie wiederkommt. Nein. Dann bin ich auch nicht enttäuscht, wenn ich nach Ablauf der Woche immer noch hier sitze. Schade, Frau. Du siehst ganz nett aus. Geh schon weg und laß mich alleine. Ich bin so traurig, ich mag nicht mal bellen.

 

7. Warten

 

 

Ich habe gewartet. Der übliche Tierheim-Alltag. Viel bellen, selten raus, keinen Hunger, Durchfall. Ich habe gewartet. Die Tage gingen so dahin, Hoffnung hatte ich keine, aber gewartet habe ich trotzdem. Und ich war traurig.

 

8.   Sonntag, 1. Dezember 2002

 

 

Es war nicht viel los, vormittags. Die Besucher kommen normalerweise am Sonntag erst nachmittags. Ich hoffe, es ist jemand dabei der mich nett findet und mich mitnimmt. An die Frau denke ich nicht mehr. Ich will nicht mehr an sie denken. Sie kommt doch nicht.

Die Stalltür geht auf und ich drehe mich einfach mal so um, wer es ist. Eigentlich kann es nur Kerstin vom Tierheim sein, denn es ist noch nicht Besuchszeit. Aber es ist nicht Kerstin. Es ist die Frau! Mit einem Mann. Und sie kommt zu mir. Sie macht den Käfig auf und begrüßt mich. “Jetzt kommst du mit!” sagt sie und macht mich an einer nagelneuen Hundeleine fest. Ich glaube es nicht! Sie holt mich raus. Sicher nur zum Spazierengehen. Der Mann begrüßt mich auch. Und wir gehen vorne raus. “Ich muß das Impfbuch mitnehmen,” sagt sie. Dann sagt sie, ich soll mich verabschieden. Mach ich natürlich. Kerstin war schließlich immer nett zu mir. Alle waren immer nett zu mir. Dann gehen wir zu dem gelben Auto, ich muß reinspringen und dann fahren wir weg. Sicher wieder Probefahrt? Nein, die Frau fährt auf die Straße und der Mann beruhigt mich. Denn ich bin so aufgeregt, ich muß einfach ständig bellen. Ich kann nicht aufhören zu bellen. Ich muß allen, die draußen vorbeigehen sagen, daß ich ein neues Zuhause bekomme und muß einfach alle anbellen. Wir fahren lange. Dann bleibt das Auto auf einem Parkplatz stehen und ich kann wieder raus. Wir gehen spazieren.

Ich weiß überhaupt nicht, wo ich denn laufen soll. Der Mann hält mich an der Leine. Sicher ist er mein neuer Partner. Ich springe ihn an und ich bin total durcheinander. Dann gehen wir auf eine große Wiese, durch einen Wald und ich bin beschäftigt mit Schnüffeln. Hier kenne ich überhaupt nichts. Es muß aber viele Hunde hier geben. An jeder Ecke eine andere Duftmarke.

Dann fangen die beiden an zu sprechen. Über kaltes Wasser und Schlauch und waschen. Was? Mit kaltem Wasser? Bei dem kalten Wetter? Dann überlegen sie, ob es nicht doch in der Wanne gehen könnte. “Hab ich halt mal Chaos im Badezimmer”, sagt die Frau.

Inzwischen sind wir zurückgegangen und gehen in ein Haus rein. Und Treppen rauf. Und in eine Wohnung rein. Hier riecht alles nach der Frau. Ich werde abgeleint. Das Halsband kommt auch ab. Dann gehen sie mit mir in ein Badezimmer. Der Mann hebt mich hoch und stellt mich in die Wanne. Und dann geht es los!

Ich weiß nicht ob ich das mag. Gewaschen werden. Zum Glück warmes Wasser. Ich bleibe ruhig stehen, sage keinen Ton und die beiden loben mich. Die Frau spricht die ganze Zeit ganz ruhig mit mir. Sie merkt auch, daß ich nervös werde. “Gleich sind wir fertig,” sagt sie und fängt an, mich abzuduschen. Dann abtrocknen. Wenigstens das Gröbste. Und der Mann hebt mich wieder auf den Fußboden. Ich muß mich erst mal schütteln. Das ganze Fell klebt mir am Leib. Noch mal ein bißchen abtrocknen, dann ist es genug und ich darf raus in die Wohnung.

Hier muß ich erst einmal alles beschnüffeln. Es riecht auch ein bißchen nach dem Mann aber hauptsächlich nach der Frau. Dann packt der Mann alle Sachen ein und zieht seine Jacke an. Ich freue mich. Er wird mit mir wegfahren. Jetzt fahren wir zu ihm, in mein neues Zuhause. Aber er sagt, ich soll hierbleiben. Wieso? Ich denke, du bist mein neuer Partner? Nein? Versteh ich nicht. Er geht weg und ich bleibe mit der Frau alleine. Dann dämmert es mir langsam. Ich bin schon zuhause. Hier ist mein zuhause. Bei der Frau. Sie hockt sich zu mir auf den Boden und schmust mit mir. Ach tut das gut! Es ist warm und alles ist weich und es ist ganz ruhig und sie schmust mit mir, und das ist schön, und ich schlafe ein . . . .

. . . . als ich aufwache, sitzt die Frau in einem Sessel und liest. Ich gehe zu ihr hin und sie streichelt mich. Dann steht sie auf und zieht sich an. Gummistiefel! Wir gehen spazieren. Wieder auf die Wiese, aber diesmal mit einer ganz langen Leine. Ich kann laufen, wohin ich will. Es dauert eine Weile, bis mir das klar wird. Natürlich kann ich nicht weg laufen, denn auch eine lange Leine ist eine Leine. Aber die Frau läßt mich laufen, wohin ich will. Wenn die Leine zu kurz ist, kommt sie mit mir, wohin ich will. Toll. Und die Wiese ist voller Mäuse. Leute, ich kann nach Mäusen buddeln. Hatte fast schon vergessen, wie schön das ist.

Die Frau machte allerdings ein paar Mal sehr merkwürdige Sachen. Sie hob Stöcke auf und warf sie weg. Ganz merkwürdig. Ich habe sie mir genau angesehen und sie scheint das komisch zu finden. Naja, ich laß sie einfach werfen, wenn ihr das Spaß macht. Ich grabe in der Zeit Mäuse aus. Als ich kein Interesse für ihr Hobby zeigte, hörte sie auch schnell auf damit.

Irgendwann sind wir wieder nach Hause gegangen und ich war müde. Sie läßt mich schlafen, wann ich will und es ist ganz ruhig bei ihr. Keiner bellt, keiner stört mich. Ich kann endlich mal ausschlafen.

Am Abend sind wir noch einmal rausgegangen, damit ich meine “Geschäfte” erledigen konnte. Duftmarken setzten, usw. Dann kam die erste Nacht im neuen Zuhause.

In ihrem Schlafzimmer hat sie mir eine nette Schlafecke eingerichtet. Die Decke darin lag nicht richtig, aber ansonsten war ich mit diesem “Bett” sofort einverstanden. Ich habe die Decker “geordnet”, dann haben wir uns “Gute Nacht” gesagt und die erste Nacht gemeinsam verbracht. Ich habe mir ein paar Mal den Kopf gestoßen, an einem Regalbrett. Sonst ist nichts vorgefallen. Keiner von uns beiden mußte raus. Wir haben geschlafen, bis spät in den anderen Morgen hinein.

Ich glaube, ich habe es gut getroffen, mit der Frau. Ich fühle mich rundum wohl bei ihr und in ihrer Gesellschaft.